Maria Herrmann

Antworten

Manchmal kann ich es nicht vermeiden, die verschiedenen Arbeitsbereiche oder vielmehr Aufgabenstellungen und Phänomene, mit denen ich es zu tun habe zu vergleichen. Ich suche nach ähnlichen Strukturen, um bestimme Lösungen oder Gedankenansätze auf Probleme und Aufgaben im jeweils anderen Bereich anzuwenden. Da ich als »Theologin mit einem Arbeitsplatz im Internet« ziemlich unterschiedliche Dinge zu tun habe, kann das manchmal ziemlich abgefahren wirken. Ich erlebe es aber immer wieder als eine große Bereicherung.

Seit nun schon geraumer Zeit gibt es im Webdesign zum Beispiel immer mehr ein Bewusstsein dafür, dass es »den Seitenbesucher« nicht (mehr) gibt. Zu viele Browser, zu viele Bildschirmgrößen, zu unterschiedliche Netzanbindungen sind es, die bei der Gestaltung und dem Aufbau einer Website zu berücksichtigen sind. Jeder Besucher bringt einen anderen Kontext mit. Ob er zuhause vom Sofa aus auf dem großen Fernseher mit Breitbandanbindung etwas auf Wikipedia nachschlagen will oder das mit einem kleinen Smartphone in der Bahn zwischen zwei Haltestellen tut, macht natürlich einen großen Unterschied aus.

Durch bestimmte Techniken und Herangehensweisen versucht man diese Problematik aufzufangen. Besonders herausfordernd dabei ist nun aber nicht die Problemlösung, das Handwerk, der Code selbst, denn dafür gibt es Instrumente. Mit etwas Übung und einer konsequenten Vorgehensweise gelingt das im besten Fall sogar mit vergleichbarem Aufwand, wie bei einer »normalen« Website in der alten, statischen Variante. Diese Technik, eine Website so einzurichten, dass sie auf unterschiedliche Voraussetzungen des Browsers eingehen kann, nennt man »responsive Webdesign«. Ein Design, dass auf den Kontext des Seitenbesuchers eingeht.

Doch vielmehr das, was vor dieser handwerklichen Umsetzung steht, bereitet Probleme: Die Frage nach einem Konzept, einer Inhaltsstruktur der Website und wie ihr Verhältnis zwischen den verschiedenen Darstellungsinstanzen (Fernsehbildschirm, Desktop PC, Tablet, Smartphone) sein wird, ist ein neuralgische Punkt. Wie ernst nimmt man Responsive Webdesign, wie wendet man es an?

Denn nicht selten taucht z.B. die Frage auf, ob ein Besucher mit mobilem Kontext (»mal eben in der Bahn etwas nachschlagen«) wirklich auf alle Inhalte der zu erstellenden Website zugreifen können soll, die er mit einem Laptop Zuhause auf der Couch auch zur Verfügung hätte. Braucht eine mobile Website ein anderes, schlankeres Menü? Ist jede Information auch mit selbst eingeschränktem Darstellungsvermögen (Screengröße) wirklich relevant? Was macht jene Information überhaupt relevant, warum und für wen?

Wie oft passiert es mir, dass ich mit meinem Smartphone auf einer Website unterwegs etwas nachschlagen will und ich auf der mobilen Websiten-Variante nicht an alle Informationen herankomme (von denen ich aus Erfahrung weiß, dass sie auf der Seite zu finden wären). Kluge Menschen haben sich über dieses Thema schon viele sinnvolle Gedanken gemacht und ich entscheide mich in vielen Projekten mit Kunden gemeinsam dafür eine ganzheitliche Lösung zu finden. Das ist mir wichtig, weil ich nicht nur die persönlichen Erfahrungen zugrunde lege, sondern auch meine Überzeugung, dass der (ich nenne es jetzt mal) »mobile« Kontext in Zukunft noch viel wichtiger werden wird und es für mich dazu grundsätzlich keinen Sinn ergibt, nur eingeschränkte Informationen zur Verfügung zu stellen. Es muss auch anders funktionieren, nämlich bewusst nicht exklusiv.

Was mich als Theologin allerdings auf besondere Weise aufmerksam werden lässt ist die Verhältnisbestimmung zwischen Besucher - Kontext - Inhalt. Das Eingehen auf die Voraussetzungen, die derjenige mitbringt, der sich mit den Inhalten beschäftigen will. Davon will ich lernen und es macht mich neugierig, was so ein Ansatz für Theologie bedeuten könnte. Wie sähe eine »Responsive Theology« aus?

Nun, beim Begriff »Besucher« fällt einem die Ähnlichkeit ja schon quasi vor die Füße. Wir sprechen in Kirche ja auch nicht selten von »Gottesdienstbesuchern«. Manchmal zählen wir sie sogar. Wenn ich beginne über diese Bezeichnung nachzudenken, fällt mir auf, dass sie eine recht passive Konnotation hat. Beim Webdesign beginnt man langsam damit, dass man darüber nachdenkt diesen Begriff des »visitor« neu zu denken. Es geht nun viel mehr um eine user experience, usability und friendliness. Das gefällt mir, denn diese Rolle ist deutlich aktiver.

Auch theologisch könnte man eigentlich einen deutlich geeigneteren Ausdruck verwenden. Denn es gibt ja die Rede von der tätige Teilnahme (Participatio actuosa) der im Gottesdienst anwesenden Gläubigen. Das verrät letztlich auch schon worum es auch gehen sollte: Teilnehmen, aktiv werden, sich seines Auftrages, seiner Leidenschaft und Sendung bewusst sein.

Dann sind da auch noch die Kontexte, die im repsonsive Webdesign eine tragende Rolle spielen. Wie gehen wir mit den Kontexten der Gläubigen um? Wie reagieren wir auf diejenigen, die eher – bildhaft gesprochen – in der Straßenbahn mit dem Smartphone unterwegs sind? Was machen wir mit denen, die eigentlich noch viel mehr wollen und vor großen Bildschirmen mit einem Hyperspeed-Netz (noch ohne Flatratedrosselung) sitzen? Und wie viele von uns sitzen eigentlich wirklich noch an einem Desktop PC? Können uns diese Bilder helfen, Kirche von morgen zu gestalten?

Wenn ich jetzt mir das nochmals durch den Kopf gehen lasse, gefällt mir der Begriff der »Responsive Theology« immer besser. Denn schließlich bildet das auch ab, dass das was wir da tun immer auch eine Antwort auf das ist, was wir als Offenbarung bezeichnen. Nicht wir sind die, die den ersten Schritt gegangen sind, das erste Wort gesprochen haben. Ich glaube die Responsive Theology lässt mich für eine Weile jetzt erst mal nicht los. Und dich?

Schließen ( ESC )