Maria Herrmann

Frau Herrmann, glauben Sie an die Hölle?

Ich liebe Heavy Metal. Zu der Zeit, in der man als Heranwachsende mindestens einmal am Tag Türen hinter sich zu schlägt und danach lautstark Musik aus dem schrecklich unaufgeräumten Jugendzimmer dröhnt, konfrontierte ich Familie und Nachbarn mit kreischenden Gitarrensoli, krachenden Bässen und doppelt angeschlagenen Basstrommeln. In der Region, in der ich aufwuchs, war die Jugendszene geprägt von der Heavy Metal Kultur. Wir trugen schwarz, tauschten so genannte Bootlegs, besuchten kleine und große Konzerte und reisten im Sommer zu Festivals. Meinen Eltern hingegen machten neben der erhöhten Grundlautstärke zuhause vor allem die vielen Totenköpfe auf meinen T-Shirts Sorgen.

Noch heute fasziniert mich diese Szene, obwohl ich mittlerweile auch vermehrt vielfältigere Musik höre, mich anders kleide und Dinge, wie zum Beispiel die Rolle der Frau im Heavy Metal, kritisch betrachte. Meine Türen schließe ich heute sorgfältig. Aber: Mich fasziniert diese Szene, weil ich dort viele leidenschaftliche, verbindliche und warmherzige Menschen kennen gelernt habe, die heute noch gute und treue Freunde sind. Mich fasziniert diese Szene, weil sie so extrem ist. Extrem laut, extrem dunkel, extrem polarisierend.

Und mich fasziniert sie auch, weil in ihr die Rede von der Hölle so viel Platz einnimmt. Gerade weil man sich die Hölle nun mal auch laut, dunkel und polarisierend vorstellen kann. Vielleicht ein bisschen wie bei einem Slayerkonzert, das wie ein Soundtrack zu Michelangelos Jüngstem Gericht daher kommt.

Doch ohne dieses Thema banalisieren zu wollen – sowohl in einer Konzertarena, als auch im Verkündigungsdienst, in dogmatischen Traktaten und in allem dazwischen ist Folgendes für mich entscheidend: Die Rede von der Hölle darf kein Instrument des Machtmissbrauchs sein. Und: die Hölle ist kein Selbstzweck. Das lässt sich zum Beispiel in einem unserer konfessionellen Grammatikbücher, dem Katholischen Erwachsenen Katechismus, daran erkennen, dass die Rede von der Hölle im Zusammenhang mit und unter der Überschrift der Verheißung des ewigen Lebens steht.

Ich nähere mich gedanklich diesem Verhältnis von – nennen wir es – Himmel und Hölle so an, dass die Hölle unserer Hoffnung, unserem Glauben und unserer Liebe Deutungshorizont, Relevanz und eine unvergleichliche Dynamik verleiht.

Die Frage nach dem ewigen Leben und mit ihr, die nach der Hölle ist also eine, die sich im Jetzt noch nicht und doch schon stellt. Sie ist eine eschatologische Frage. Sie ist eine Frage, die unser Handeln Gott, unseren Mitmenschen und uns selbst gegenüber in die Tiefe der Zeit rückt und über sie hinaus deutet. Diesen endzeitlichen Horizont in den Blick zu nehmen ist etwas ganz und gar Biblisches und gleichzeitig etwas, das wir in unserer »Echtzeit« verlernt zu haben scheinen. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum wir uns gerade in einer so aufgeklärten Zeit noch immer oder immer noch so schwer tun mit dieser Hölle.

Nochmals also anders formuliert: Ich glaube, dass die Hölle so etwas darstellt wie eine theologische Tiefenschärfe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wie bei einer guten Photographie wird vor dem Hintergrund der Hölle erst das sichtbar, was wir als auf Christi Tod getauftes Volk Gottes als Grund von Hoffnung, Glaube und Liebe sehen: Der Auferstandenen selbst. Diese Spannung und Erkenntnis erlaubt es uns aber eben gerade nicht, die unscharfen Teile aus diesem Bild herauszuschneiden. Keine »billige Hoffnung«, sondern eine »die der Furcht nicht entbehrt«. Hoffnung, die unserem Handeln, Leben und Lieben Tiefenschärfe verleiht. Hoffnung, die unsere Gottes- und Menschenbeziehung in den Fokus rückt. Hoffnung, die ganz und gar österlich ist. Hoffnung auf Leben, trotz und gerade mit dem Tod.

Ja, ich glaube an die Hölle. Weil ich an den Himmel glaube. Weil ich Ostern ernst nehmen und gerecht werden möchte. Und weil ich ahne, wie laut die Hölle sein kann.

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