Maria Herrmann

(Meine) Mission?

Meine Mission heißt: Nicht rein passen. Und das gar nicht mal, weil ich es nicht wollte. Schließlich bin ich katholisch.

Das 500 Jährige Reformationsgedenken zeigt: Es gehört zu einem der Charismen meiner Konfession, dass sie die Einheit sucht und sie manchmal mit Einheitlichkeit verwechselt. Das ist unsere große Stärke und zugleich eine Riesen-Schwachstelle. Darum ist auch das Absprechen von Katholisch sein für uns eine ziemlich heftige Sache. Es trifft Katholikinnen und Katholiken ins Mark ihrer Konfession. Und da bin ich ganz katholisch…

Meine Mission heißt nicht rein passen, obwohl ich es eigentlich so gerne wollte. Dazu gehören. Teil haben und Teil geben. In eine Gemeinde. In eine Kirche.

Meine Mission heißt: Nicht rein passen, obwohl ich weiß und reich bin, heterosexuell und gut ausgebildet. Und obwohl ich vieles, sehr vieles an Theologie und Tradition in meiner Kirche schätze.
Vielleicht passe ich ja gerade deswegen nicht rein, weil ich als studierte Theologin so vieles von Theologie weiß und so vieles an ihr schätze?

Um von vornherein einem Missverständnis vorzubeugen, weil wir ja unter uns sind: Ich persönlich wäre eine miserable Priesterin. Es besteht bei mir kein inneres Bedürfnis nach einem Amt. Es ist nicht die Amtsfrage, und es sind nicht die sonst gängigen heißen Eisen, mit denen ich ein grundlegendes Problem habe.

Es ist der rote Tee, es ist die Kaffee-Sahne. Es sind die viel zu kleinen Tassen, die trockenen Kekse von vorletzter Woche. Es sind gestaltete Mitten und liturgische Tänze. Es sind die Lieder, die gesungen werden. Es sind Gottesdienstzeiten. Es ist die Verwendung der Schriftart Comic Sans. Es ist die Frage warum die Osternacht nicht Grund genug ist für die größte Party des Jahres. Es ist das hingerotzte »Vater unser« am Ende einer Sitzung.

Und es ist die Unachtsamkeit, und ich würde sogar sagen, die Unmenschlichkeit mit der Menschen in der Kirche miteinander umgehen. Mit anderen umgehen.

Als Katholikin Maria Herrmann habe ich mit meiner Kultur keinen Platz in der Kirche. Ich liebe große Tassen für exzellenten Kaffee und eine ansprechende Gestaltung von Gemeindebriefen.
Aber noch viel mehr bin ich naiv genug zu glauben, dass Kirche der Ort ist, an dem etwas vom Reich Gottes sichtbar, fühlbar und schmeckbar wird – unter Christinnen und Christen – aber auch für andere. An dem Gott durch das Wort und in den Sakramenten erfahrbar wird. An dem Sammlung und Sendung in seinem Namen geschieht. Und ich teilhaben darf, nicht nur als Person, sondern als Teil einer Kommunion.

Was ich dabei wahrnehme: Ich frage mich mehr und mehr, wer denn eigentlich in dieser Kirche Platz hat – und ich glaube, das ist konfessionsunabhängig:

Im Laufe der letzten Jahre habe ich eine ganze Reihe von Menschen kennengelernt, denen es genauso geht wie mir: die nicht reinpassen und sich fremdführend. Die sagen: Eigentlich hatte ich da einen Traum von Kirche. Eigentlich habe ich mit einem anderen Bild angefangen. Eigentlich habe ich Sehnsucht nach mehr. Eigentlich…

Missionstheologisch könnte man wohl sagen, dass an dieser Stelle sichtbar wird, dass am Ende der Volkskirchlichkeit neue Diskurse stehen: Die nach neuen Sozialformen von Kirche für unterschiedliche Milieus und Kulturen. Nach Inkarnation, Inkulturation und Kontextualisierung.
Das große theologische Wort Mission gibt mir jedenfalls eine Sprache dafür, dass meine Fremde und die der vielen anderen sein darf. Und vielleicht sogar sein muss. Weil sie den Anfang macht für etwas Neues.
Mission lässt mich denken, dass es auch für mich einen Platz gibt in dieser Kirche.
Und für viele andere.

Mission lässt mich darüber nachdenken, dass es eine Veränderung, katholisch möchte ich sagen: einen Wandel geben kann und muss.

Als Theologin Maria Herrmann bin ich überzeugt, dass Mission bei dieser Gebrochenheit und Verletzlichkeit beginnt. Sie beginnt bei uns. Und hat zugleich in Gottes Mission schon längst begonnen.
Philippus steht mit dem Äthiopier im Taufwasser – wenn Sie sich mit mir an die Apostelgeschichte erinnern. Mission beginnt bei uns. Auch wenn wir dabei manchmal nasse Füße bekommen.

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