Maria Herrmann

(Nicht nur) Social media und der Kongress

Bummelte man während des Kongresses durch das Convention Center, gelangte man genau in der Mitte des Geschehens, wo sich die beiden Hauptachsen des Gebäudes treffen, auf einen großen, Kirche²-blauen Teppich. Dieser zentrale Platz war für die einen ein ausgemachter Treffpunkt um von dort aus weiterzugehen. Es waren aber auch gemütliche Stühle und ein paar Tische aufgestellt; so konnten sich andere dort hinsetzen um etwas zu verweilen. Zwischen den Marktständen – dort, wo das Leben pulsierte – geschah in diesen Sitzgruppen auch Begegnung, ein zentraler Grundgedanke des Kongresses.

An diesem Ort war ein großer Monitor aufgestellt, der sich immer wieder selbst aktualisierte. Ein ähnlicher Bildschirm war im Aufenthaltsraum des Kongress-Teams installiert. Während der Veranstaltung wurde diese eine bestimmte Anzeige, die die beiden Monitore zeigten, auf der großen Leinwand des Plenums bei passender Gelegenheit eingeblendet. Konkret dargestellt wurde an diesen drei Orten eine jeweils aktuelle Sammlung der Tweets, die mit dem Hashtag #kirchehoch2 verschickt, also aus Anlass des Kongresses geschrieben wurden. Es war also eine so genannte Twitterwall zu sehen. Warum nahm die Darstellung dieses digitalen Mediums so betont Raum ein?

Man könnte vermuten, dass diese Bildschirme als exemplarisch programmatische Fenster in andere (Sprach-)Welten aufgestellt wurden. Doch dahinter steckten viel grundsätzlichere Aspekte, nämlich das Interesse an und die Neugierde auf neue Kommunikationsformen. Diese wiederum bilden ganz ähnliche Momente ab, die inhaltlich während des Kongresses besprochen werden sollten.
Um auf diese Hintergründe eingehen zu können, bedarf es eines Einblicks in die Struktur der digitalen Kommunikation des Kongresses.

Mehr als ein (Video-)Signal

Die Tatsache, dass der Kongress schon drei Monate vor seinem Termin ausgebucht war, drängte die Frage auf, wie man eine breitere, aber vielleicht auch unkonventionell angelegte Beteiligung am Kongress ermöglichen könnte. Durch das Bereitstellen eines so genannten Livestreams waren die fünf großen Plenarveranstaltungen über das Internet frei und zeitgleich zum Kongressgeschehen vor Ort virtuell zugänglich. Ca. 14.000 Abrufe des Programms wurden auf der Kongress-Website und über andere Anbieter verzeichnet. Die Videoübertragung war eine der Grundlagen für das außergewöhnliche (virtuelle) Kommunikationsgeschehen rund um Kirche², denn dadurch wurde die räumliche Begrenzung des Diskurses durchbrochen.

Neben den Vorbereitungen für den Livestream wurden in den verschiedenen Social Media Netzwerken wie Facebook und Twitter früh neue Kommunikationsprozesse stimuliert und schon Bestehende verstärkt, so dass unter den am Kongress und seinen Themen Interessierten Verbindungen entstanden sind. Diese Prozesse waren ganz bewusst nicht eindimensional, sondern wechselseitig gestaltet und orientierten sich an dem, was ein interaktives Nachdenken über eine Kirche2 bedarf. Es war wichtig, auf konkrete und allgemeine Fragen von engagierten Teilnehmern und interessierten Nichtteilnehmern einzugehen und auch darauf zu achten, was sich im Social Web im Umfeld des Kongresses tat. So entstand eine Atmosphäre des wechselseitigen Hörens, welche die Grundlage für das gemeinsame virtuelle Träumen einer Kirche von morgen war.

Doch damit nicht genug: Durch den Einsatz von Social Media und der Bereitstellung eines Livestreams konnte während des Kongresses die grundsätzliche Möglichkeit eingeräumt werden, sich zeitgleich an der Diskussion in den Plenarveranstaltungen zu beteiligen – egal ob vor Ort anwesend, von zu Hause oder vom Arbeitsplatz aus. Über Twitter, Facebook und SMS war es möglich, Kommentare abzugeben und Fragen zu stellen, die (kuratiert) an die Moderatoren weiter gegeben wurden. Auf diese Weise konnten die Momente, die in der digitalen Diskussion aufkamen, aufgenommen und bei Interviews und Fragerunden der Plenarveranstaltungen eingebracht werden. So beeinflussten die virtuellen Gedanken den Fortgang der Gespräche vor Ort enorm und die im Vorfeld formulierte Vision trat ein:

Gemeinsam sollte auf der Basis dieser Grundlage der Hör-, Denk- und Erzählprozess einer zukunftsfähigen Kirche geführt werden – vor, während und nach dem Kongress –virtuell und lokal. Dieses Ziel betont zwei wichtige Aspekte der Kommunikation 2.0 und lässt erahnen, was ein so angelegter Austausch von Erfahrungen, Fragen und Visionen grundlegend mit (einer) Kirche2 zu tun hat:

Warum virtuell auch real ist oder wie Außen und Innen verschwimmen

Zum einen stellt dieses Kommunikationskonzept die Frage nach dem „Innen und Außen“, indem es das oft missverstandene Verhältnis von „Real“ und „Virtuell“ pointiert zur Sprache bringt:
Die Grenze zwischen dem Innen und Außen begann während der Veranstaltung spürbar zu verschwimmen. Das Mitdenken und -träumen an einer Kirche von morgen bedurfte nicht einer physischen Anwesenheit am Veranstaltungsort des Kongresses. Das Innen des Convention Centers öffnete sich durch die Videoübertragung. Das Einbeziehen der Fragen und Impulse derer, die sich an der virtuellen Diskussion von Außen beteiligten, durchbrach die physische Grenze zwischen jenen, die örtlich anwesend waren und jenen, die virtuell an der Veranstaltung teilnahmen. Viel mehr noch wurde mit diesem Konzept umfassend die Möglichkeit gegeben, direkt in die Diskussion des Plenums einzugreifen. Es machte keinen Unterschied, ob ein Tweet mit einer Frage an die Vortragenden aus dem Plenum abgeschickt wurde oder als SMS von einer Couch, die 400 km südlich von Hannover steht. Der so genannte Hashtag eröffnet einen virtuellen Raum, in den die am Diskurs beteiligten treten – egal aus welcher physischen Wirklichkeit heraus.

Dies zeigt sehr deutlich, dass der vermeintliche und oft ausgesprochene Gegensatz von Virtualität und Realität nicht aufgeht. Denn auch der virtuelle Diskurs ist ein ganz und gar realer. Neue Kommunikationsmöglichkeiten fördern in einer virtuellen „Netzgemeinde“ Austausch, kreieren ein Netzwerk. Letztlich ist das keine neue Idee: Erinnern wir uns an die Briefliteratur aus dem Neuen Testament und denken darüber nach, welchen Stellenwert virtuelle Gedanken in den frühen Gemeinden hatten. Auch das Schreiben und Lesen eines Briefes ist virtuelle Kommunikation; zwar war (und ist!) Paulus nicht physisch in den Gemeinden anwesend, aber seine Gedanken und Fragen konnten und können dort Raum einnehmen. Damals und heute schafft virtuelle Kommunikation einen gemeinsamen Spirit.

Darüber hinaus zeigt dieser Gedankengang, dass durch das Herausgehen aus einer bestehenden Struktur (in diesem Fall der Physischen) eine Dynamik frei wird, die vom Geist der Öffnung lebt. Durch Virtualität geschah und geschieht Grenzüberschreitung. Das Aufmachen auf virtueller Ebene und in neue Räume ermöglicht Teilhabe an Prozessen auch von Positionen aus, die vormals unerreichbar zu sein schienen. Durch Virtualität gelangen wir mit unseren Träumen und Fragen an „Andersorte“. Und das ist es doch schließlich, was unsere Sendung als Christen ausmacht, wozu wir berufen sind: Dort in einen Kommunikationsprozess zu gehen, wo Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute Ausdruck findet.

Was Kirche 2.0 und Kirche2 besonders verbindet oder die Wichtigkeit einer tätigen Teilnahme für das Web 2.0

Der zweite Aspekt, der den Web 2.0 Gedanken und Kirche2 in ein besonderes Verhältnis stellt, ist das Verständnis und der Prozess einer konsequent interaktiven Kommunikation, welche durch soziale Medien angeregt und grundgelegt werden kann. Einer der Hauptaspekte von Social Media ist es ja, dass jeder am Diskurs Teilnehmende gleichberechtigter Träger der Interaktion und daher verantwortlich für ein Gelingen des Prozesses ist.

Partizipation ist damit im virtuellen Diskurs von Kirche2 nicht nur Thema, sondern selbst Rahmen, Voraussetzung und Grundlage des gemeinsamen Nachdenkens. Jeder (der will und kann) soll Anteil haben am und Einfluss nehmen auf den Diskurs und die Möglichkeit erhalten, sich gleichberechtigt einzubringen. Dass dieses Anliegen gut funktioniert hat, kann man anhand einer Statistik eindrücklich nachvollziehen: Die Hauptakteure des virtuellen Diskurses waren keine Kongressverantwortlichen oder Teammitglieder und auch nicht die offiziellen Accounts des Kongresses, sondern Teilnehmende.
Wichtige Grundgedanken lutherischer („Priestertum aller Gläubigen“) und katholischer („Gemeinsames Priestertum aller Getauften“) Theologie werden in dieser Kommunikationsweise aufgenommen. Es war beeindruckend zu sehen, wie ernst die Teilnehmenden des Kongresses die Partizipationsmöglichkeiten nahmen und nutzten.

Eigene Erfahrungen und Meinungen konnten eingebracht werden und befruchteten so den gegenseitigen Austausch. Erst durch die Pluralität und Buntheit (Kongressmotto „Gib Kirche deine Farbe“), die die Teilnehmenden eintrugen, wurde eine lebhafte Diskussion möglich und vermittelte, welches Verantwortungsbewusstsein das Kongressgeschehen anregte. Inmitten dieser Pluralität stellte sich die Taufe als gemeinsamer Bezugspunkt und damit verbindendes Element heraus. Als mündige Getaufte in dieser Form über die Zukunft von Kirche nachzudenken, war eine Visualisierung, was es heute heißen kann, Verantwortung als Christen zu übernehmen.

Von der Dankbarkeit oder wie ein Volk von Geschichtenerzählern entstehen kann

Neben diesen eher grundlegenden, rationalen Gedanken zum Verhältnis von Kongress und der Verwendung von Social Media, lässt sich noch eine interessante Beobachtung machen:
Bei der Auswertung der neben #kirchehoch2 verwendeten Hashtags kann man feststellen, dass auch virtuell die geistliche Ebene das gemeinsame Nachdenken über die Zukunft der Kirche durchzog. Dies zeigt sich darin, dass eine recht beträchtliche Anzahl an Tweets vor allem nach der Veranstaltung neben dem Kongress eigenen Hashtag auch mit #dnkgtt versehen war.

Dadurch lässt sich nachvollziehen, dass Medien wie Twitter neben der Vermittlung, Weiterverbreitung und der Diskussion von (abstrakten) Informationen (zwischen-) menschliche und spirituelle Seiten zum Vorschein bringen können. „Social“ ist also nicht nur gedacht als partizipative Dimension, als „demokratische Informationsverwaltungs- oder -Generierungsstruktur“ – sozial will hier auch über das Rationelle hinaus. Es verweist auf die emotionalen Momente dieser Form von Kommunikation. Diese Dimension des Web 2.0 ist es, die uns für andere nahbar machen, die Fragen hervorrufen und die Anschluss finden lassen. Das Erzählen von uns und dem, was uns beschäftigt, macht uns als Christen erkennbar und zeigt, welche Vielfalt in Kirche zu finden ist.

Jeder von uns bringt eine eigene Geschichte mit und gemeinsam hatten und haben wir als Volk Gottes eine ganz Große zu erzählen. Sei es – wie jetzt hier am Beispiel – von unserer Dankbarkeit oder auch ganz generell von einem erfüllten und erfüllenden Ringen um ein Werden von Kirche und Menschsein. In dem wir diese Geschichte miteinander auch virtuell erzählen, lernen wir voneinander und lassen zu, dass die Grenzen von Innen und Außen ganz neu verschwimmen. Dass wir damit in einer besonderen Tradition stehen, braucht man im Kontext einer Buchreligion eigentlich nicht mehr zu erwähnen: Im Hören auf die Erfahrungen, die Träume und die Fragen anderer lernen wir auch etwas über unsere Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott.

So ließe sich auch eine ganz bestimmte Aufforderung aus dem Neuen Testament auf die aktuellen Medien hin ausweiten und als eine Art „Social Media Guideline“ denken: „Seid auch auf Twitter bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15)

Aus dem Buch: Kirche² – eine ökumenische Vision, Philipp Elhaus/Christian Hennecke (Hg.), echter 2013

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