Maria Herrmann

»… so sende ich euch«

Vom Weitermachen, Weiterwerden und Weitergehen (Joh 20,21b)

Guten Morgen! Mein Name ist Maria Herrmann, ich arbeite als Theologin für das Bistum Hildesheim und die Ökumenische Bewegung Kirche². Ich bin sehr froh, dass ich heute bei Ihnen sein kann. Auch wenn man es heute vielleicht nur in ganz schwachen Momenten sprachlich hören wird: Mich verbindet eine Geschichte mit dieser Gegend und mit dem Bistum Würzburg, besonders auch mit der Berufsgruppe der PastoralreferentInnen. Mich verbinden aber auch eine Hand voll Geschichten mit der Ökumene. Ein paar darf ich heute erzählen. Ich bin sehr dankbar, dass ich dazu eingeladen wurde, ich freue mich auf die Zeit mit Ihnen. Vielen Dank!

Zu meiner Person und meiner Arbeit werde ich am Nachmittag ein bisschen mehr erzählen. Zu Beginn unseres Arbeitstages soll das im Mittelpunkt stehen, das uns immer wieder zusammenruft und sendet: Das Wort. Stellt sich die Frage nach der Ökumene gibt es vor allem eine Perikope, ein biblisches Zeugnis, das uns schnell in den Sinn kommt: Der Anfang der Apostelgeschichte.

Es gibt allerdings (mindestens) einen weiteren Text, der uns eine pfingstliche Erinnerung schenkt. Und diesen Text habe ich ausgesucht und mitgebracht. Wir lesen ihn gegen Ende des Johannesevangeliums. Einmal mehr ist es erstaunlich, dass ein theologisches Momentum wie eben das Pfingstereignis etwas ist, das sich in unterschiedlichen Schrifttraditionen ergänzend darstellt. Es gibt nicht nur eine Perspektive, aus der man erzählen kann: Im Anschluss an die Osterbotschaft schildert der Evangelist Johannes eine erste Versammlung der Kirche, in einem Text den wir sowohl in der Osterzeit als auch zu Pfingsten lesen.

Ich habe Ihnen die entsprechenden Verse auch an die Hand gegeben, damit wir gemeinsam einen Blick hineinwerfen und daran arbeiten können. Wir lesen die Stelle aus Joh 20 in einer anderen Übersetzung, als Sie es möglicherweise gewohnt sind. Wir lesen sie in der Neuen Genfer Übersetzung. Die NGÜ ist zentral für unsere Arbeit bei Kirche2. Nicht nur, weil uns die Bibel an vielen Stellen grundlegender Ausgangspunkt für unsere Reflexion und Proflexion ist. Die NGÜ ist neben der Lutherübersetzung und der Einheitsübersetzung ein für uns Lutheraner und Katholiken zunächst wilder Weg. Wir lesen mit dieser anderen Übersetzung biblische Texte gemeinsam neu, so wie es als Kirche² auch unser gemeinsamer Auftrag in Landeskirche und Bistum ist, neue Wege zu ergründen. Die NGÜ entspricht dabei in vielem unserem Sprachgefühl. Ganz wichtig aber auch: Sie hilft uns auf diese Weise, unsere eigenen Übersetzungen neu lesen zu lernen. Ein ganz feines Moment der Ökumene.

So lautet mein erster und vielleicht auch wichtigster Hinweis heute, so banal er auch klingen mag: Tauchen Sie immer wieder einmal auch in die Texttraditionen anderer Konfessionen ein. Sie werden überrascht sein, welche Weite sich ihnen zeigt und welche Weite Sie darin auch einüben können — und manchmal vielleicht auch müssen. Beginnen wir als heute mit der NGÜ und lesen also bei Johannes im 20. Kapitel eine Pfingstgeschichte:

19 Es war am Abend jenes ersten Tages der neuen Woche. Die Jünger hatten solche Angst vor den Juden, dass sie die Türen des Raumes, in dem sie beisammen waren, verschlossen hielten. Mit einem Mal kam Jesus, trat in ihre Mitte und grüßte sie mit den Worten: »Friede sei mit euch!«
20 Dann zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Als die Jünger den Herrn sahen, wurden sie froh.
21 »Friede sei mit euch!«, sagte Jesus noch einmal zu ihnen. »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich jetzt euch.«
22 Und er hauchte sie an und sagte: »Empfangt den Heiligen Geist!
23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben.«

Hinter verschlossenen Türen — die andere Seite von Pfingsten

Versetzen wir uns hinein in den Text. Wir lesen da von einem Weiter der Jünger nach den verstörenden Ereignissen der Kar- und Ostertage. Von einem Weitergehen und Weitermachen. Von vielleicht heiligem Trotz. Mal sehen was wir darin entdecken, was uns heute auch weit macht für das Nachdenken über Ökumene und die Zukunft der Kirche.

Hinter verschlossenen Türen versammeln sich die Jünger. Ich stelle mir diese Situation ziemlich schräg vor. Ein vielleicht erstes Zusammenkommen in dieser Form, ohne Jesus, ohne den, der irgendwie immer für die Einladung gesorgt, der die Leute miteinander in Verbindung gebracht hat, der Garant dieser Gemeinschaft war. Er fehlt. Ohne ihn ist es jetzt anders. Ganz anders. Nichts scheint mehr sicher zu sein. Früher, ja früher, da…. Aber heute ist alles anders. Der ein oder die andere mag vielleicht schon etwas gehört haben von dem, was Maria aus Magdala zu berichten hat. Andere werden ziemlichen Zorn verspüren, manche Enttäuschung, viele große Verunsicherung. Die Türen verschließen sie hinter sich, sie suchen Schutz, wenigstens wir, jetzt hier, wollen sicher sein.

Im Text wissen wir nicht genau wer dieses Wir ist, wer da alles zusammenkommt, es lassen sich keine Namen finden. Ein paar Verse zuvor lesen wir von der eindrucksvollen Begegnung des Auferstandenen mit Maria aus Magdala. Ein paar Verse später von einer mit dem Apostel Thomas. Beide Textstellen handeln von zwei ganz konkreten Begegnungen des Auferstandenen — typisch für den Evangelisten Johannes. Doch bei unseren ersten Versen steht nicht, ob sich hier eine Auswahl oder eine Teilgruppe der Jünger trifft, ob die Apostel, die Zwölf zusammengekommen sind. Wir wissen ja nicht mal ob das alles hauptamtliche Christinnen und Christen waren.

Vor diesem Kontrast ist anzunehmen, dass das Geschehen, das sich in diesem Text abspielt auch in einer allgemeine Perspektive beschrieben wissen will. Dass das Geschehen eine allgemeine Deutung zulässt. Das was hier zu lesen ist, gilt uns, gilt Ihnen hier im Bistum Würzburg, den Menschen, die regelmäßig zum Gottesdienst im Uniklinikum zusammenkommen, denen, die in der letzten Woche in Ochsenfurt die Sternsinger unterstützt haben, der Citykirche, die sich hier im CinemaxX trifft, der lutherischen Kirchgemeinde in der Sanderau, den Menschen, die mich in einem Dorf in England im letzten Sommer neu zu beten gelehrt haben.

Exegeten beschreiben diesen Text aufgrund seiner Offenheit als ein erstes Echo für die Ahnung einer sonntäglichen Liturgie: Johannes deutet demnach die erste gemeinschaftliche Ostererscheinung Jesu mit der Vorstellung eines frühchristlichen Gottesdienstes. Denn der Zeitpunkt ist die einzige Konkretion, die wir finden können, mit ihr beginnt der Text. Wir lesen von den Ereignissen am Abend jenes ersten Tages der Osterwoche. Beschrieben wird keine Öffentlichkeit, sondern ein Rückzug, das Schutzsuchen einer Gemeinschaft in unsicheren Zeiten.

In der Apostelgeschichte lesen wir im Gegensatz dazu von einem Pfingstgeschehen als ein extrovertiertes, ein lautes, ein sinnenfältiges, in der Kirche sagen wir gerne, ein »buntes« Ereignis. Eines, das sich zwar im ersten Moment zurückzieht, aber dann buchstäblich vor Neu-Gier platzt! Während in der Apostelgeschichte sich Menschen von draußen, von außerhalb des Hauses und von außerhalb »der Kirche« angezogen fühlen und wir merken, dass es dabei die Jüngerinnen und Jünger ebenso förmlich nach außen drängt, ist es hier beinahe eine intime, eine persönliche, eben eine ver-schlossene Atmosphäre: »die Türen des Raumes, in dem sie beisammen waren, hielten sie verschlossen.«

In meiner Schulzeit musste ich in meiner ersten Hausarbeit zu Goethes Faust das Motiv von Innen und Außen der Räumlichkeiten des Theaterstücks reflektieren. Wie frei sich Faust in der Natur fühlt, wie er aufatmen kann und welche Ängste und — um es ignatianisch zu sagen –Untröstlichkeiten ihn innerhalb von Wänden, Räumen und Häusern befallen. Er suchte gerne das Weite und daran habe ich gedacht, als ich diesen Text für heute vorbereitet habe.

Ich komme nicht umhin, über dieses Verhältnis nachzudenken und zu reflektieren: das luftige, dynamische und permeable Pfingstgeschehen der Apostelgeschichte und ihre Weite! Ein Narrativ den wir gerne bedienen, weil er Kirche einmal »irgendwie anders« darstellt. Ja, so soll sie sein, die Kirche der Zukunft. Und Ökumene passt da doch ganz gut dazu.

Dazu dann aber auch das intime, Verborgene, die Stärke in der Zerbrechlichkeit am Ende des Johannesevangeliums auf der anderen Seite. Ein Weitermachen, ein Erbe, aber auch das, was in seiner Essenz christliche Gemeinschaft darstellt. Ich glaube, anders als bei Goethe und Faust, gehört beides zusammen. Das Extrovertierte und das Introvertierte. Das Erbe und das etwas Andere. Und so komme ich auch nicht umhin darüber nachzudenken, wo ich diese Motive in unserer Kirchenlandschaft entdecke. Vielleicht überlegen Sie mit mir? Vielleicht denken Sie an Katholiken- und Kirchentage, an Weltjugendtage und Taizé. An endlich mal laute und fröhliche, turbulente pfingstliche Feste!

Sofort fallen mir aber auch die immer kleiner werdenden Gemeinden, Vereine und Kreise ein — hinter verschlossenen Türen. Oder jedenfalls hinter Türen, die schon lange nicht mehr von außen aufgehen und sich für neue Menschen öffnen. Meine Eltern leben etwa 70 km südlich von hier, ich kenne Wortgottesdienste, die sonntags von Ehrenamtlichen für 12, vielleicht 15 Menschen in viel zu weit außeinanderstehenden Betonwänden von Gemeindezentren der 70er Jahre gestaltet werden.

Was wird passieren? Wo ist der Herr? Wer hat ihn gesehen?
Vor wem oder was sind wir hinter diesen Türen sicher?

Und gerade hier lesen wir noch einmal Joh 20: Der Auferstandene ist in Mitten seiner Jüngerinnen und Jünger. Damals und heute. In ihrer Mitte spricht er seinen Frieden zu. Ein Wunsch, den wir nicht nur als Kinder unserer Zeit vor globalisiertem Zynismus und vor Fake News Verdacht schützen müssen. Sondern auch ein Wunsch, den ich unseren Bistümern und Landeskirchen, unseren Pfarreien und Gemeinden, unseren Vereinen und Orden, und auch unseren Berufsgruppen so sehr zugesprochen wissen will. »Friede sei mit Euch« steht da. Und es steht zweimal da!

Hier und jetzt schenkt Jesus als der Auferstandene dazu seinen Jüngerinnen und Jüngern den heiligen Geist und sendet sie. Eine ganz andere Seite von Pfingsten! Er ermöglicht ihnen damit das Weitermachen, Weiterwerden und Weitergehen auf eine besondere Weise.

Eine gemeinsame Sendung — was wir zu lesen bekommen und was nicht

Sehen wir doch noch einmal genauer auf diese Sendung, auf den Auftrag, den sie hinter verschlossenen Türen erhalten. Ein paar dieser Gedanken leihe ich mir von zwei wundervollen Kollegen aus dem Bistum und der Landeskirche. Von Dr. Dagmar Stoltmann-Lukas und Dirk Stelter.
Was sagt also diese Sendung uns heute für unser Weitermachen, Weiterwerden und Weitergehen?
Und was sagt sie uns für die Ökumene? Gehört das zusammen?
Wir lesen: »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich jetzt euch.«

Schauen Sie gerne mit mir noch einmal hin: Wir lesen hier nicht: »Nun geht mal«. Jesus gibt seinen Jüngerinnen und Jüngern einen Auftrag, er sendet sie. Er bindet dies an seine eigene Sendung zurück und verbindet das mit der Gabe des Heiligen Geistes. Die Sendung der Christinnen und Christen ragt damit in das Zentrum trinitarischer Theologie. Sie geht zurück auf eine der Gründungsurkunden unseres Glaubens: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.« (Joh 3,16) In dieser Logik der Liebe steht der Auftrag des Auferstandenen an uns. Eine Inhaltsangabe der Sendung ist damit bereits gegeben, sie muss nicht nachgelegt werden. Die Kirche, die Gemeinschaft der Getauften hat in diesem Sinne nichts Neues zu sagen, sondern die Sendung ihres Herrn zu vergegenwärtigen. Wir haben den Auftrag, weiterzugehen in dem was er bereits begonnen hat.

Wir lesen auch nicht: »Ich bin gesandt worden vom Vater. Ich sende Euch.« Sondern das eine ist mit dem anderen verbunden. Es ist eine Bewegung. An dieser Stelle liegt die Grundlage dessen, was vor allem evangelische Missionstheologinnen und Theologen die »missio dei« nennen. Der Auftrag der Kirche mündet ein in, gibt Teil an Gottes Wirken und Handeln, in seine Sendung. Kirche ist keine Veranstaltung, kein Machen aus sich selbst heraus. Kirche ist Anteil geben an der Mission Gottes. Es ist damit auch ein Weiterwerden in uns, denn diese Mission Gottes betrifft auch uns. Sie ist Gnade und Umkehr, derer wir uns im Kontext unseres Kirche seins und Werdens zu stellen haben.

Wir lesen dazu ebenfalls nicht: »Der Vater hat mich gesandt, damit ich die Kirche gründe. Euch beauftrage ich, sie zu erhalten.« Es geht bei der Sendung durch den Auferstandenen nicht um den Selbstzweck von Seelsorgebezirken und Kirchengebäuden, um Personalstellen und Pastoralpläne. Dementsprechend darf es uns ebenso auch nicht um die Destruktivität konfessioneller Identitäten gehen. Sie bemerken wie differenziert ich das an dieser Stelle formuliere, denn: An strukturellen wie kirchenhistorischen Realitäten kommen wir nicht vorbei. Aber auch hier erfordert es ein Weiterdenken: Wie wir in Evangelii Nuntiandi lesen steht all das immer in Relation an der herausfordernden, gnadenreichen und transformierenden Botschaft vom Reich Gottes. Wie viel mehr wird uns möglich, wenn wir in der Veränderung bestehender Strukturen diese Perspektive einnehmen könnten? Wie viel mehr, wenn wir gerade auch die Charismen der unterschiedlichen Konfessionen sehen und schätzen lernen?

Das bringt mich zum nächsten Punkt, denn wir lesen auch nicht: »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich dich.« Die Sendung Jesu entspricht automatisch einer Gemeinschaft, einer Gesandtschaft. Dies gilt für das Kleine wie das Große. Für die lokale und kontextuelle Ebene, genauso für die Ökumene von Kirchen und Ortskirchen. Ich würde sogar so weit gehen, dass dies auch für Berufsgruppen und berufsgruppenübergreifende Teams gilt. Das ganze ehrenwerte Haus ist gemeint. Der Plural ist gesetzt, die Vielheit begründet sich in der Einheit des gemeinsamen Auftrags. Die Glaubwürdigkeit unseres gemeinsamen Dienstes an und in der Welt hängt davon ab, ob wir uns bewusst sind, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind, die zusammengehört und als solche einen Auftrag erhalten hat. So zeigt sich unsere Glaubwürdigkeit auch in unserem Umgang miteinander. Und ich frage mich, ob unsere Sendung und damit unser Weitergehen vielleicht genau hier beginnt.

Sendung ist ohne Gemeinschaft der Gesandten nicht zu haben. Unser Auftrag als Christinnen und Christen in der Welt hat immer etwas mit Ökumene zu tun. Vielleicht sind das die Momente, die uns empfänglich machen für diesen Teil der Pfingstgeschichte. So braucht es zum Pfingsten der Apostelgeschichte auch ein Pfingsten von einer anderen Seite. Ein Pfingsten im Inneren, in den Gemeinschaften. Einen Blick nach drinnen, der uns für die Vielfalt in unseren Herzen weit macht. Denn diese Vielfalt ist ja da. Ein Blick, der ein Bewusstsein schafft für unseren Auftrag. Denn wie der Vater ihn gesandt hat, so sendet er jetzt Euch. Zusammen.

Fragen für die Einzelarbeit:
Worin bedürfen Sie ein Weiterwerden durch den Heiligen Geist?
Fragen für Gruppenarbeit:
Womit lohnt es sich in der Ökumene oder ökumenisch weiter zu machen?
Welche Bedeutung hat die Sendung Christi für a) Ihr persönliches und b) Ihr konkretes Weitergehen in der Ökumene?

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