Maria Herrmann

Perspektiven

Haben Sie sich an das Tragen der Mund-Nase-Masken gewöhnt? Haben Sie vielleicht sogar ein Lieblingsmodel? Die mit den Punkten? Halten Sie schon intuitiv Abstand zu anderen Menschen? Weichen Sie zurück, wenn eine Person vor dem Milchregal zu nahe kommt? Wie sieht Ihr Alltag aus, gibt es neue Routinen, kehren alte schon zurück? – Die Erfahrungen der letzten Monate lesen sich ambivalent: Unterschiedliche Menschen erzählen von unterschiedlichen Eindrücken. Die Ausgangslagen sind verschieden: Alleinlebende z.B. erfahren Anderes als Familien. Und doch kehrt eine eigenartige Gewohnheit ein – Alltag Ausnahmezustand?

Eine Sache fällt mir jedoch an mir selbst und auch an anderen auf: Es fehlen die Perspektiven. Der Moment, mit dem man endlich wieder rechnen kann: Die Familienfeier, die den Namen verdient hat. Der Urlaub, auf den man hinarbeiten kann. Der Termin mit der Freundin, der eine herzliche Umarmung verspricht. Immer noch zu viel „wenn“ und „vielleicht“ in den Gesprächen.

Mich macht das nachdenklich: Perspektiven spielen in der jüdisch-christlichen Offenbarung eine besondere Rolle. Es ist die Frage nach dem Woraufhin, theologisch formuliert vielleicht die Suche und das Sehnen nach dem Reich Gottes. Das Erleben der letzten Wochen zeigt mir, wie wichtig dieser hoffnungsvolle und vielleicht trotzige Blick ist. Und wie sehr er nicht nur Kirche, sondern auch Gesellschaft prägen kann.

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