Maria Herrmann

Zukünftig im Plural

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, über die Zukunft nachzudenken. Das will eine sprachliche Unterscheidung deutlich machen: Forscherinnen und Forscher sprechen inzwischen vermehrt von Zukünften, wenn sie die großen Veränderungen von Biografien, Organisationen und Gesellschaften in den Blick nehmen. Die Zukunft lässt sich nicht mehr „einfach“ beschreiben. Zu vielfältig, zu komplex sind die Prozesse z.B. des digitalen Wandels. Die ungewöhnliche sprachliche Form will darauf aufmerksam machen.
Ich halte diesen Unterschied, diesen eigentlich unmöglichen Plural, die Rede von den Zukünften für ungemein inspirierend. Theologisch fasziniert mich vieles daran: Zum Beispiel, dass man seine eigene Zukunft nicht allein bedenken kann. Zukünfte sind ein Gewebe, wie ein Netz, in dem wir leben. Ein bisschen erinnert das an die Idee des Freiheitsbegriffs, der sich immer auch an der Freiheit der oder des anderen orientieren muss. Zukünfte werden gestaltet, in die Hand genommen – auch das meint der Plural. Aber sie stehen immer in einem Verhältnis zu konkreten anderen und dem Unverfügbaren.
Für die Fragen, der sich die Kirche zu stellen hat, heißt das: Keine Bewegung innerhalb oder an den neuen Anfängen der Kirche (manche sprechen hier von Rändern) kann allein für sich behaupten, Zukunft zu sein - auch keine Reformbewegung. Und daran muss sie sich messen lassen.

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