Maria Herrmann

Pfingsten. Ein Overview-Effekt

»Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung, 5 Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.«

»Der Weltraum — unendliche Weiten«.
Vielleicht kennen Sie diese kleine Einführung. Sie ist dem Vorspann der Fernsehsendung »Star Trek — Raumschiff Enterprise« entnommen. Vielleicht sind Sie ja selbst mit dieser Serie in ihren unterschiedlichen Gestalten vertraut oder aufgewachsen. Vielleicht sind Sie selbst sogar ein Treckie, wie sich die Fans der populären Science-Fiction Serie nennen.

»Der Weltraum — unendliche Weiten«.
Das fiel mir ein als ich von dem Motto »Weite wirkt« zum ersten Mal gelesen habe. Dem Motto unter dem Sie in dieser Woche einen Ökumenischen Kirchentag feiern. Ein Motto, das als Teil der Reformationsdekade und anlässlich des Reformationsgedenkens den Blick über die eigenen Gemeinde-, Kirchen- und Landesgrenzen hinaus eröffnen und reformatorische Impulse in gesellschaftliche und kirchliche Diskurse eintragen will.

»Der Weltraum — unendliche Weiten«.
Können Sie sich das vorstellen: 5 Jahre lang — 400 Menschen in einem Raumschiff? 5 Jahre lang auf engem Raum mit den 399 immer gleichen Menschen?

Oder so, wie es unabhängig von Science Fiction tatsächlich einem Astronauten wie Alexander Gerst auf seiner Mission ergeht: 165 Tage auf 910 Kubik-Meter. Da ist wirklich nicht viel Raum in so einem Schiff, vor allem wenn man den Platz für die Technik abzieht. Ein halbes Jahr auf einer internationalen Raumstation — und in dieser Zeit nur EIN 6-stündiger Spaziergang.

Auf mich wirkt das nicht sehr weitend. Nicht sehr weit. Im Gegenteil: In mir löst die Vorstellung längere Zeit über auf so begrenztem Raum verbringen zu müssen, die üble Ahnung einer Klaustrophobie aus.

Doch Weltraum-Weite wirkt tatsächlich. Sie wirkt nachweislich bei Menschen innerhalb von Raumschiffen. Bei Astronautinnen und Astronauten, die gemeinsam aufbrechen, das All und den Weltraum, die Sterne und Planeten zu erkunden.

Es ist erstaunlich: Von Astronautinnen und Astronauten wird berichtet, dass sie sich auf Ihrer Mission selten langweilen. Ich finde das unglaublich — Sie erinnern sich: Ein halbes Jahr unterwegs in den Räumen einer 3-Zimmer Wohnung!

Doch Astronautinnen und Astronauten erleben an Board von Raumschiffen etwas, das wir uns kaum vorstellen können: Sie verbringen ihre freie Zeit ausgiebig damit, aus dem Fenster und vor allem zurück auf die Erde zu blicken. Sie können Stunden lang den kleinen blauen Planeten betrachten.

Sie beobachten Wetterphänomene, das Aufwachen von Städten und Ländern, die großen und kleinen Naturwunder. Sie können Sommer und Winter gleichzeitig sehen! Und sie sehen Hurricanes, Nordlichter, die Meere und die großen und kleinen Gebirge, Wälder und Wüsten.

Astronautinnen und Astronauten sehen auch das, was Menschen auf dieser Erde an Spuren hinterlassen. Spuren, die kommenden Generationen den Lebens- und Spiel-Raum nehmen werden. Spuren, die unseren Welten-Raum maßgeblich negativ beeinflussen und folgenschwere Schäden hinterlassen.

Astronauten wie Alexander Gerst beschreiben das Gefühl einer ganz besonderen Herzensweite, die wirkt beim Anblick des blauen Planeten. Eine Herzensweite beim Blick auf die Erde, beim Blick zurück.

Sie erzählen von dieser Weite, als ein besonders tief gehendes Gefühl der Verbundenheit. Der Verantwortung. Der Zusammengehörigkeit. Und der Schönheit.

Dieser Blick, der das Herz so weit macht, geht also nicht in die Himmel, in die hinein Astronautinnen und Astronauten aufbrechen.

Es sind nicht die Himmel, es sind nicht die Sterne. Es ist nicht das Unbekannte und unendlich Große, das auf diese Menschen wirkt. Es ist der Blick auf die Erde, der Weite wirken lässt.

Im Blick auf die Erde erleben Astronauten etwas, das ihr Herz weit werden lässt.

Dies hat man begonnen, den Overview Effekt zu nennen.

Overview — Überblick.

Overview. Der Perspektivwechsel auf den zerbrechlich wirkenden blauen Planeten aus dem All wirkt.

Overview. Ein weitende Draufblick, der wirkt.

Overview. Diese Weite und ihr Wirken beschreiben Astronautinnen und Astronauten nach ihrer Rückkehr auf die Erde als ein ganz besonderes und starkes Gefühl, das über ihre Mission hinaus zu spüren ist.

Manchmal glaube ich, Pfingsten ist so etwas wie unser Overview-Effekt. Es ist ein Draufblick, ein Perspektivwechsel, der uns in jedem Kirchenjahr geschenkt wird.

Pfingsten ist nicht der Blick auf das unerreichbar Unendliche. Das Schwarze zwischen den Sternen. Der Blick in das All.

Pfingsten ist nicht der Blick in die Himmel.
Himmelfahrt ist vorbei.

Pfingsten ist der Blick auf die Erde.

Die Aussicht auf das uns konkret Geschenkte, in uns Lebende und Liebende. In Zerbrechlichkeit und Stärke.

Der geistvolle Blick in den Welten-Raum.

Pfingsten ist der Blick, der konkret uns meint.
Und mit uns etwas vorhat für diesen Welten-Raum.

Pfingsten ist eine Erinnerung an unsere Zusammengehörigkeit.
An die Schönheit der Vielfalt. Und an ihre wunderbar verändernde Kraft.

Und genauso auch eine Erinnerung an die konkrete Verantwortung, die wir als Christen in dieser und für diese Welt tragen. Sie hat es bitter nötig.

So entsteht aus dem weitenden Draufblick auch unser Auftrag.
So wirkt die Weite des Geistes auch in uns.

Wie Astronautinnen und Astronauten haben wir als Getaufte eine Mission, einen Auftrag, eine Sendung in diesem Welten-Raum.

Eine Mission, das Wirken Gottes, seine unbändige Kraft die Leben schenkt, Liebe ist und Weite wirkt, unter den Menschen sichtbar und spürbar zu machen.

Das Pfingstfest macht uns mit seinem Draufblick klar, dass wir in Verantwortung stehen für uns, unsere Mitmenschen und für diese Welt.

Pfingsten erinnert uns als Einzelne aber nicht nur an diese Sendung, sondern auch an diejenigen, die mit uns in diesen Welten-Raum aufgebrochen sind.

Pfingsten ist Gemeinschaftserfahrung. Pfingsten macht uns bewusst, dass wir die Verantwortung an Gottes Mission teil zu geben nicht alleine tragen. Nicht alleine tragen können.

Und dass, so vielfältig diese Erde, dieses Land und diese Region ist, so vielfältig sich auch unsere Sendung ausdrücken muss.

Pfingsten macht uns deutlich, dass die Mission eines trinitarischen Gottes, eines Gottes, der Beziehung und Liebe ist, das Anderssein umarmt. Das Fremde heilig ist.

So glaube ich, dass Ökumene wenigstens ein bisschen so etwas ist wie das, was Astronautinnen und Astronauten in einem Raumschiff gemeinsam erleben.

Wie sie, sind wir mit unterschiedlichen Gaben und Talenten unterwegs. Aus unterschiedlichen Bereichen und Gebieten, aus unterschiedlichen Kirchen, mit unterschiedlichen spirituellen Sprachen und konfessionellen Dialekten — aber in einer gemeinsame Mission.

Wir Christen stehen in einer gemeinsame Sendung. Auf diese Weise erleben wir die Gemeinschaft in der Unterschiedlichkeit, wenn wir die Gaben der anderen auch als etwas wertschätzen, das Gottes Mission an uns geschehen lassen will.

Gerade in dieser gemeinsamen Mission als Christen, können wir unsere Vielfalt und die Vielfalt der ganz anderen als Geschenk an uns schätzen lernen. Das Gemeinsame zeigt, dass sich Mission auch an uns ereignet.

Gerade in dieser gemeinsamen Mission, können wir teilgeben an der Mission eines Gottes, der Vielfalt in Einheit und Einheit in Vielfalt ist.

Und gerade in dieser gemeinsamen Mission in Vielfalt können wir damit beginnen, das missionarische und gemeinsame Kirche sein auch als etwas Reformatorisches zu begreifen. Weil sich die Form der Kirche an ihrer Mission messen lassen muss.

Ökumene und Pfingsten machen uns deutlich, dass sich Kirche von ihrer Sendung her formen muss.

Ökumene und Pfingsten machen uns deutlich, dass wir Kirche nur mit den ganz anderen sind.

Diese Weite wirkt. Und zwar zuerst bei uns. Aber schließlich für die und mit den anderen.

Aufstehen, aufeinander zugehen wird als ökumenische Perspektive für die Zukunft nicht mehr ausreichend sein. War es vielleicht noch nie. Nicht für unsere Sendung zu den ganz anderen. Und auch nicht für diesen Welten-Raum.

Aufeinander zu ist erst der Anfang. Wir müssen weiter gehen, als aufeinander zu — und zwar gemeinsam.

Unsere Sendung nicht nur darin begreifen, Ökumene wie ein isoliertes Raumschiff zu feiern, sondern unsere gemeinsame Mission in den Raum hinein verstehen zu lernen.

Ganz anders als Astronauten ist diese unsere Mission ja gerade nicht isoliert von unserer Umwelt. Mission heißt heute nicht mehr Neuland zu betreten. Neue Welten und Galaxien zu erforschen und so nach den Sternen zu greifen. An Gottes Sendung teilhaben und so Kirche zu sein, bedeutet im hier und jetzt und mit uns zu beginnen.

Auch wenn und gerade weil wir nicht isoliert unterwegs sind: Wie bei der Raumfahrt kann uns das Verfolgen unserer gemeinsamen Mission nur dann gelingen, wenn wir uns zusammen aufmachen. Wenn wir von unterschiedlichen Orten zusammen kommen und gemeinsam aufbrechen.

Weite wirkt. Reformatorisch. Auch und gerade bei uns. Weil der Geist uns meint. Weil er uns in Pfingsten einen Überblick schenkt. Und uns in den Welten-Raum hinein sendet.

»Der Weltraum, unendliche Weiten«.

Die Original Serie »Start Trek — Raumschiff Enterprise« war in den Augen des Fernsehsenders NBC bei ihrer Erstausstrahlung kein Erfolg. Man stellte die Serie ziemlich schnell schon nach 3 Staffeln ein.

Erst einige Zeit später wurde sie zu einem popkulturellen Phänomen, das Grundlage für unzählige weitere Filme und Serien schaffte.

Wir können nicht wissen, wie es mit uns sein wird. Mit uns und unserem pfingstlichen Kirche sein. Mit unserer Ökumene der Sendung. Mit unserer gemeinsamen Mission in den Welten-Raum.

Aber hören wir nicht zu früh auf mit diesem, unserem gemeinsamen Erzählen von unserem Raumschiff Kirche.

Lassen wir unser gesamtes Kirche sein durchdringen von einem Overview-Effekt der Pfingsten heißt. Lassen wir die Vielfalt, die Verbundenheit und die Schönheit den Welten-Raum und uns verwandeln. Auch und gerade wenn es manchmal länger dauert.

Damit Weite wirken kann.

Amen.

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