Maria Herrmann

Von den Talenten

Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe mich ziemlich geärgert. Normalerweise freue ich mich darüber, wenn ich einen Vortrag vorbereiten darf, der unter einem biblischen Leitbild steht. Für heute habe ich kein Leitbild bekommen. Allerdings wurde mir die Stelle genannt, die heute im BibelTeilen den Mittelpunkt bildet. Das Evangelium vom kommenden Sonntag.

Ich habe mich wirklich geärgert, als ich die Textstelle das erste Mal aufschlug. Das Gleichnis von den Talenten. Hätte es nicht etwas Einfacheres sein können? Eine prophetische Vision oder eine Offenbarung? Eine Wundergeschichte? Ein heiliges und heilendes Trotzdem.

Das Gleichnis von den Talenten ist unbequem. Es nervt, macht mich wütend. Und in manchen Momenten macht es mir Angst. Ich will es nicht hören. Und erst recht nicht vor hunderten von Menschen davon erzählen.

Aber warum sollte ich es bequemer haben, als Sie?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es im Zusammenhang mit dem heutigen Tag auch für Sie Dinge gibt, die anstrengend sind, die Sie nerven, wütend machen, die Angst besetzt sind, oder die Sie schlichtweg nicht mehr hören wollen — oder können.

Ich weiß nicht, ob Sie vielleicht auch in Ihrer Gruppenarbeit davon erzählt haben. Ob es hier eine Kultur gibt, über Angst, Zorn und Hilflosigkeit ins Gespräch zu kommen.

Aber ich weiß, dass Texte wie diese Parabel, wie dieses Gleichnis, je nachdem wie Sie es exegetisch bewerten wollen, aus eben diesem Grund in die Evangelien aufgenommen wurden: Sie wollen unbequem sein. Und sie tun das, weil man sie nicht auf einen bestimmten Sinn festschreiben kann. Weil sie sich automatisch, eben wie von selbst, mit unserem Leben verbinden. Es in einen Kontext bringen. Text und Kontext. Die Bibelstelle und unser Leben.

Ich versuche einmal zusammenzufassen, was mich am meisten nervt:

Ich ärgere mich über die Logik der Gewinnorientierung.

Darüber, dass das Risiko gewinnt. Haben wir nicht genug Probleme in der heutigen Welt mit Spekulationen? Mit den Folgen von riskantem Handeln, mit Risiko, das auf anderen abgewälzt wird?

Haben wir nicht genug Probleme in unserer Kirche mit der Zahlenfixierung?

Soll das eine Logik der Zukunft werden? Die Zahlen werden weniger, was wir dagegen tun können geringer, unsere Handlungsspielräume kleiner?

Ich ärgere mich über die Unbarmherzigkeit dem dritten Knecht gegenüber. Er hat nach jüdischem Recht gehandelt: Das Vergraben war das sicherste, das er tun konnte. Er hat ohne Zinswucher und ohne das Ausbeuten von Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern gehandelt. Und er hat gut für diese unfassbar große Menge an Geld gesorgt. Nichts verloren! Was ist das Problem?

Ich ärgere mich wiederum über seine schräge Begründung, seine faule Ausrede. Darüber, dass er die Verantwortung nicht übernimmt, sondern sie abwälzen will.

Aber vor allem ärgere ich mich über flache Deutungen des Textes. Da ist die Rede vom unbedingten Mut, den wir beweisen sollen. Die Aufforderung weniger Angst zu haben. Dafür viel eingeforderter Gehorsam. Als ob das so einfach wäre.

Mit diesen Eindrücken aus dem Evangelium im Herz möchte ich heute Vormittag drei Fragen entfalten, die mir für Ihr Vorhaben und Ihre gemeinsame Zukunft von hoher Relevanz erscheinen.

  1. Ich möchte nach dem Horizont des Textes und dem dazugehörigen Horizont Ihres Kontextes fragen.

  2. Ich möchte nach den Rollen innerhalb des Textes und den Rollen Ihres Kontextes fragen.

  3. Und schließlich möchte ich nach den Talenten des Textes und nach den Talenten Ihres Kontextes fragen.

Horizont. Rollen. Talente.

Mit dem Reich Gottes ist es wie… der Horizont

Das Gleichnis von den Talenten ist das letzte Gleichnis innerhalb des großen apokalyptischen Redekomplexes im Matthäus-Evangelium.

Danach schließt sich an die Rede vom Gericht über die Völker durch den Menschensohn. Wir finden eine parallele Überlieferung des Gleichnisses im Lukasevangelium, und auch dort ist klar, dass es auf das weltliche Ende des Herrn zugeht.

Wir betreten mit dem Text eine Kreuzung der Zeiten:

Auf der Ebene des Evangeliums das Ende des irdischen Wirkens Jesu und der Weg hin zu seinem Sterben und dem Heilswirken in und durch die Auferstehung.

Auf der Ebene der Entstehung des Evangeliums kreuzen die Frage nach der Wiederkunft des Herrn und die Frage nach dem Umgang mit der Zwischenzeit.

Dabei beginnt der Text mit: »Denn es ist wie ein Mann…« Dieser Vergleich mit dem Himmelreich, dieses Es ist wie ist im Originaltext so selbstverständlich, dass es sprachlich nur unvollständig angeführt wird. Dieser Einstieg verweist wiederum auf eine ganz andere Zeitendimension, nämlich die Zeit des Reiches der Himmel, die Herrschaft des Herrn. Das Reich Gottes.

Dieser Bezug auf das Reich Gottes soll heute Vormittag einmal bewusst zur Sprache kommen, und damit ein erster Schlüssel sein:

Wenn der Horizont des Textes das Reich Gottes ist, was ist der Horizont Ihres Kontextes hier und jetzt?

In vielen Bistümern und Landeskirchen in Deutschland nehme ich wahr, wie um die Zukunft der jeweiligen Ortskirche gerungen wird. Das ist hier bei Ihnen nicht anders. Vermutlich ist dies eine weitere Kreuzung zweier Zeiten.

Die evangelische Kirche in Mitteldeutschland übt in Erprobungsräumen neue Formen christlicher Nachfolge in Gemeinschaft. Die Bayerische Landeskirche will in einem Prozess von Profil und Konzentration »Zeugnis geben von der Liebe des Menschgewordenen Gottes«. In der rheinischen Landeskirche hat man seit Anfang des Jahres einen Synodenbeschluss vorliegen, der die Suche nach die Parochie ergänzende Formen christlicher Gemeinschaft fördert. Auch die Hannoversche Landeskirche, mit der ich zusammenarbeiten darf, bemüht sich um eine Verfassungsänderung, die neue Formen von Gemeinde und Kirche ermöglichen soll. Das sind nur wenige Beispiele, die aber alle zeigen, dass Veränderungen anstehen und angegangen werden. In diesen konkreten Fällen sogar in den für evangelische Ekklesiologie empfindlichen Bereichen des Gemeindeverständnisses.

Im Katholischen Bereich nehme ich vor allem ganzheitliche Prozesse wahr, die wie hier auch, vor allem aus der Beschäftigung mit weltkirchlichen Impulsen entstehen. Die Deutung und Übertragung findet mit unterschiedlichen Schwerpunkten statt: Visionsbildung, Stärkung der Gaben und Charismenorientierung, Strukturveränderungen wie neue Leitungsmodelle. Manches trägt dabei die Überschrift der lokalen Kirchenentwicklung, so zum Beispiel in dem Bistum für das ich arbeite: in Hildesheim. Aber auch in Limburg, in Hamburg, in Osnabrück finden sich vergleichbare Prozesse. Verwandtes findet sich ebenso in Paderborn, in Köln und in Essen. Vieles andere muss unerwähnt bleiben. Doch steht hier weltkirchliches Lernen, stehen die Erfahrungen auch Ihrer Reisen in einem größeren Zusammenhang.

Das alles ist kein Ringen in dem persönlichen, existentiellen Ausmaß, das der Evangelist im Gleichnis aufzufangen und abzubilden versucht. Es ist kein Ringen, das eine Parusieverzögerung erklären will. Und keines, das ein drohendes und kurz bevorstehendes Weltenende zum Ausdruck bringen mag.

Doch es ist eine Art ekklesiologische Zeitenwende, und ein Ringen darum, wie es weitergehen kann mit der Kirche. Eines um das, was zu Ende gehen muss. Und was man von anderen für die Zukunft lernen kann.

Ich habe das große Glück für ein Bistum zu arbeiten, dass sich diese Fragen zusammen mit einer Landeskirche stellt. Das wird vor allem dann nachvollziehbar, wenn man sich die Drastik der Veränderung vor Augen hält. Ich habe Ihnen das einmal skizziert:

Sie sehen hier drei Generationen einer Familie. Nehmen wir an die Enkelin/Tochter steigt aus dem »laufenden Betrieb Kirche« aus. Die Kommunionvorbereitung hat zwar irgendwie noch stattgefunden, danach wurde es uninteressant. Keine Firmung und eine kirchliche Ehe konnte oder wollte sie nicht eingehen. Pilgern, das tut ab und zu ganz gerne. Aber zuhause gibt es nichts, das dem Milieu, der Sozialform und den Fragen entspricht.

In der nächsten Generation findet nur noch eine teilweise Sozialisierung mit christlichen Werten und Inhalten statt. Die Taufe feiert man für das schöne Fest und um den Großeltern einen Gefallen zu tun. Bei der nächsten Gelegenheit jedoch erklärt der junge grüne Mann den Kirchenaustritt — auch um Steuern zu sparen.

In der nächsten Generation findet keine Taufe statt, der Bezug zu und die Relevanz christlicher Nachfolge haben sich nicht entfaltet. Was dazu führt, dass in der nächsten Generation

… keiner der Familienmitglieder getaufte Christin oder Christ ist. Innerhalb von vier Generationen wurden bestehende Sozialformen und ererbte Strukturen der Kirche gänzlich irrelevant. Das derzeitige deutsche Kirchenmitgliedschaft-System verschleiert diese Entwicklungen, doch sie steht uns bevor. In vergleichbaren westlichen Gesellschaften, wie zum Beispiel in England wird klar, welche drastischen Entwicklungen Kirchen auch in Deutschland bevorstehen können. Dort muss man sich aktiv als Mitglied melden, die derzeitigen Zahlen sind eindeutig.

In Deutschland zeigt sich, dass diese oder vergleichbare Generationsbilder, Milieuforschungen und andere pastoraltheologische Instrumente Bistümer und Landeskirchen auf vielfältige Arten und Weisen zum Nachdenken, aber auch zu einem veränderten Handeln auffordern und unterstützen. Bei diesen Veränderungsprozessen zeigen sich drei Schwerpunkte, die immer auch miteinander zu tun haben:

Wenn Sie an neuen Kirchen- oder Gemeindebildern arbeiten, werden Sie feststellen, dass dies auch ein Nachdenken über die Rollenarchitektur beinhaltet. Beides wiederum verweist auf die Vollzüge kirchlichen Handelns, sei es in diakonischem Dienst, in katechetischen Prozessen oder in sakramentalem Handeln.

Ich nehme das Beispiel Erstkommunionkatechese: In welcher Form von christlicher Gemeinschaft werden die jungen Familien ganz konkret hineingenommen? Passen die bestehenden Sozialformen zu den Menschen? Passt die Begleitung nicht nur zu den Kindern, sondern auch zu den Eltern, die vermehrt in diesem Zusammenhang eine Erstverkündigung erfahren? Wer zeichnet sich für die Begleitung verantwortlich, wer kann das überhaupt leisten? Welches Verständnis der Eucharistie zeigt sich im praktischen Vollzug einer konkreten Vorbereitung? Und wie gelingt es Bistümern, Dekanaten und Pfarreien diese Abläufe und Prozesse zu optimieren, so dass der Betrieb am Laufen und damit die aktuelle Form der kirchlichen Gestalt am Leben gehalten werden kann.

Der Horizont des Textes heute Vormittag ist ein anderer und das macht ihn vermutlich so unangenehm. Denn der Horizont ist das Reich Gottes.

Dieser Horizont erinnert mich an einen Satz aus Evangelii Nuntiandi.

Paul VI. schreibt dort im Jahr 1975:

»Nur das Reich also ist ein absoluter Wert und relativiert alles andere.«

Dieser Horizont hilft noch einmal nach dem Horizont des Hier & Jetzt zu fragen.

Dies kann Be- aber auch Entlastung sein: Belastung, wenn es darum geht, was zu tun, und was zu lassen sein wird in Zukunft. Belastung, wenn dies unter dem Gesichtspunkt der Rechtfertigung zu sehen ist. Doch noch mehr Druck möchte ich heute Vormittag nicht vermitteln.

Entlastung sehe ich aber ganz deutlich darin: Der Horizont des Reiches Gottes zeigt, dass es nicht um den Erhalt einer bestimmten Gestalt der Kirche geht. Und es geht auch nicht um den Erhalt der Kirche. Es geht um den Auftrag Botschafterinnen und Botschafter des Reiches Gottes zu sein. Seiner alles verändernden Liebe.

Diese Sendung als Christinnen und Christen in der Welt von heute, an dem jeweiligen Ort Ihres Dienstes, formt Kirche jeden Tag neu. Diese Sendung hat Ihren Ursprung in der Sendung Christi. Diese Sendung ist es, die vor dem Kontext des Reich Gottes auch nach neuen Formen, nach Veränderung und nach einem Überprüfen des Bestehenden fragt. Fragen muss!

Wenn sich Kirche von Ihrer Sendung und von diesem Auftrag her formt, sind wir aufgefordert dem Absoluten des Reich Gottes nachzugehen.

Und wir sind aufgefordert nach den Relativierungen und Kontextualisierungen von allem anderen zu fragen. Impulse von anderen Orten können und werden dabei helfen, die grundlegenden Werte freizulegen.

Ich frage also noch einmal: Wenn der Horizont des Textes das Reich Gottes ist, was ist der Horizont Ihres Kontextes und Ihres Handelns?

Neben dieser Frage nach dem Horizont, ein zweites Fragen: Text und Kontext in Bezug auf die Rollen.

Rollenarchitektur

Ist es nicht erstaunlich, dass man sich als Leserin, als Leser automatisch mit dem dritten Knecht identifiziert? Oh ja, das bin ich. Ängstlich und mutlos. Faul und feige. Eine Schwindlerin. Stotternd mit vielen Ausreden.

Ziemlich erleichtert war ich, dass es unter den Kommentatorinnen und Kommentatoren auch einige gibt, die sagen, dass die jeweiligen Rollen nicht unbedingt so festgelegt sind, wie es den Anschein macht. Und auch, dass die Sympathien unterschiedlich verteilt sein können. Dass der Herr im Gleichnis seine Schattenseiten hat.

Wie Sie den äußeren Merkmalen meines Milieus vermutlich entnehmen können, habe ich wenig Zugang zum Bibliodrama. Und doch musste ich hier daran denken, denn verschiedene Zugänge zu den Personen des Gleichnisses erscheinen mir heute Vormittag hilfreich:

Wie würde ich eine dritte Magd verkörpern,

wie eine erste oder eine zweite?

Wie eine Herrin?

Als ich über den Bibeltext und seine Rollen nachdachte, fiel mir auf, dass dies auch ein Schlüssel für die bevorstehenden Veränderungen in Ihrem Bistum sein kann:

Welche Rolle spielen Sie?

Welche ziehen Sie sich automatisch an und warum?

Welche Rolle werden Sie in Zukunft spielen?

Was verändert sich, wenn Sie nicht sofort in die Rolle des dritten Knechtes schlüpfen?

Wenn Sie über die gewonnenen Reichtümer Ihres Wirkens froh und dankbar nachdenken können. Wenn Ihnen bewusstwird, wie viel Sie bereits einsetzen, und wie viel daraus schon wird? Geworden ist?

Was verändert sich, wenn Sie von dieser Perspektive aus über Ihre zukünftige konkrete Rolle im Bistum nachdenken? Wenn es nicht automatisch wird zu einem: War es denn nicht genug? [Pause] Warum muss es denn ausgerechnet noch Fresh Expression sein? Kleine Christliche Gemeinschaft?

Was verändert sich, wenn Sie sich vorstellen, dass Sie diejenigen sind, die die Talente, Gaben und Charismen anderer fördern und nähren?

Dass Sie es sind, die es ermöglichen, dass andere ein Risiko eingehen können?

Vor dem Horizont grundlegender Veränderungen der Kirche, die sich von ihrer Sendung her und vor dem Horizont des Reiches Gottes formt, wird es notwendig sein nicht nur die Vielfalt der Sozialgestalten mit neuen Formen zu ergänzen. Es wird auch eine neue Rollenarchitektur der Landeskirchen und Bistümer bedürfen. Am deutlichsten wird das dann, wenn es um neue Räume der Kommunikation des Evangeliums geht: Frauen und Männer, die sich hierfür verantwortlich zeichnen, benötigen eine neue Form der Aus- und Weiterbildung, aber auch der Begleitung und der Vernetzung in ihrer Organisation. Deutlich wird es aber auch an der Verhältnisbestimmung in Bezug auf das sogenannten Ehrenamt. Dieser Dienst ist weder theologisch noch qualitativ infrage zu stellen. Umgekehrt löst er die Rede vom gemeinsamen Priestertum ein.

Wie ich eben schon sagte, hängen veränderte Kirchenbilder immer auch mit veränderten Rollenverständnissen zusammen. Dabei wird es notwendig sein, alle drei Dimensionen des heutigen Gleichnisses im Blick zu haben:

Die Dimension Andere im Blick zu haben und sie in ihrem Riskieren der eigenen Charismen und Talenten zu fördern. Sie zu befähigen, zu motivieren, Rückhalt zu sein, nachzufragen, Geld und Vertrauen zu vermitteln. Aber auch dazwischen einmal abzureisen, machen, wachsen, werden zu lassen.

Die Dimension mit den eigenen Talenten und Gaben gnadenreich verschwenderisch und liebevoll riskant umzugehen. Sie einzusetzen, gerade vor dem Horizont des bereits angebrochenen Reiches Gottes. Dem Auftrag vertrauen.

Aber eben auch sich der menschlichen Grenzen bewusst zu sein. Mit ihnen, mit sich und mit den Menschen um einen herum ehrlich und achtsam umzugehen.

Wichtig wird hierbei vor allem sein, nicht sofort mit dem Blick des Mangels auf diese Perspektiven zu sehen, nicht sofort die Perspektive des dritten Knechtes einzunehmen.

Wie beim Gleichnis muss auch klarwerden, dass die drei Dimensionen in unterschiedlichen Schwerpunkten auftauchen, dass sie miteinander in Verbindung stehen. So wie sie uns heute Vormittag geschenkt sind, vor allem mit dem Horizont unserer Sendung können Sie helfen, zukünftige Wege Ihrer Berufsprofile und Ihrer Berufung auf die Spur zu kommen.

Talente?

Unter der Reich Gottes Perspektive und mit einem veränderten Blick auf die verschiedenen, aber zusammenhängenden Rollen des Gleichnisses, eine letzte Frage: Nämlich die nach den Talenten. Die Talente im Text, die Talente in ihrem Kontext.

Die Talente im Text bilden in der Version des Matthäus-Evangeliums ungeheure Summen. Talente sind zunächst einmal Gewichtsangaben, keine Währung an sich. Doch so wie es zur Gewohnheit wurde, Talente als Wertangaben zu benutzen, so zog auch der Begriff im übertragenen Sinn in unsere Sprache in: Talente sind besondere Fähigkeiten, die Menschen auszeichnen.

Die Summe eines Talents im biblischen Sinn entspricht etwa 60 Minen. Wenn Sie sich nun vorstellen, dass im Umfeld des Evangeliums eine Familie von etwa 2 Minen pro Jahr leben konnte, wird der Wert der Summe deutlich. 30 Familien konnte von dem Geld des dritten Knechts für ein Jahr leben. Für die ersten beiden Knechte können Sie die Rechnung selbst machen.

Die Logik des Herren im Gleichnis ist vom Noch-Mehr, vom Gewinn bestimmt. Er will mehr. Obwohl doch so viel da ist. Und er will auch, dass seine Mitarbeitenden mehr wollen. Die Logik des dritten Knechtes steht dagegen, sie ist vom Bewahren geprägt.

Mir fällt es schwer an dieser Stelle eine Deutung in Bezug auf eine partizipative Kirchenentwicklung zu formulieren: Dies hängt vielleicht damit zusammen, dass ich qua meines Dienstes im Bistum Hildesheim einen Auftrag besitze, mich um das Risiko zu bemühen. Weil ich mir dabei mühsam erarbeitet habe, achtsam mit dem bewahrenden Moment der ererbten Talente der Kirche umzugehen. Dies hängt aber vielleicht auch damit zusammen, dass ich keinem Menschen gerne sage: »Du musst nur wollen!« Dabei liegt das hier auf der Hand: »Du musst nur mehr wollen, riskiere doch einfach nur das, was du hast. Gott, der Herr hat es dir aufgetragen!«

Bei meinen Vorbereitungen kam ich nicht umhin auch die Auslegung von Eugen Drewermann zu studieren. Er gibt seinen Überlegungen eine interessante Überschrift: Über das »Immer zu wenig« — ich glaube das ist eine Perspektive, die hilft, die Frage nach den Talenten auch ekklesiologisch zu bedenken.

Der Blick auf das »Zu-wenig« ist ein göttlicher. Denn er vermittelt direkt die Perspektive auf das »Da ist noch viel mehr«, da sind noch mehr Talente, Charismen, da ist ein mehr an Hoffnung, mehr an Glaube und mehr an Liebe. Da ist noch viel mehr von dem, was es möglich machen wird das Reich Gottes hier und jetzt aufleuchten zu lassen. Der »Zu-wenig« Blick ist einer, der den Horizont des Textes berücksichtigt.

Sie merken, in Bezug auf die Talente und ihre Deutung reibe ich mich am meisten. Die Gefahr, dass der »Zu-wenig« Blick ein menschlicher wird, dass er zu viel von Menschen verlangt, ist groß. Die Gefahr, dass der »Zu-wenig« Blick ein menschlicher wird, der immer von einer Vergangenheit in Fülle spricht, ebenso.

Dabei kam mir in den letzten Tagen immer wieder eine Frage in den Sinn:

Vielleicht ist es ein tabuisierter, aber wichtiger Effekte beim Hören dieses Gleichnisses, dem Herrn zu widersprechen?

»So bist du nicht!« zu ihm zu sagen. »Du bist kein Gott, der Angst macht. Kein Gott der Überforderung. Kein Gott, der erpresst.«

Und vielleicht wird er darauf sagen: »Warum handelst du dann so?«

Und nun?

Ein unbequemes Gleichnis heute Vormittag.

Aber ich bin froh darum geworden. Es täuscht keine Leichtigkeit vor, keine Methode, kein Prinzip, das Sie hier und jetzt zu befolgen hätten. Kein auf A folgt B. Kein einfaches Übertragen Ihrer Erfahrungen. Es zeigt ein Ringen auf, von dem auch Ihre Zukunft geprägt sein wird:

Ein Ringen, sich immer wieder des Horizontes bewusst zu werden. Das Versprechen vom Reich Gottes. Dieses Reich, das alles relativiert. Der Auftrag und die Sendung der Kirche, die sich in dieser Relativierung und Kontextualisierung übt. Diese Dinge nicht aus den Augen zu verlieren, und sie als Maßstab für die Veränderungen zu begreifen.

Ein Ringen, das sich auch in der Reflexion Ihrer Rollen und der persönlichen Dimensionen im Spiegel des Evangeliums zeigt. Wie sie sich verändern, und in den Auftrag und Dienst der Sendung der Kirche stellen.

Ein Ringen, das im Widerspruch eine neue Perspektive und die Gnade des Herrn erfährt. Ein heiliges und heilendes Trotzdem.

Ein Ringen, das Zeichen eines geistlichen Prozesses ist. Und für das ich Ihnen Gottes Segen wünsche.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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