Maria Herrmann

Weltbeziehung und Himmelsbezug

Wenn Resonanz die Lösung sein soll, dann haben wir vielleicht noch nicht richtig verstanden, wie grundlegend die Probleme und Herausfor­derungen der Kirche(n) sind.

Hartmut Rosa trifft mit seiner Rede von der Resonanz sicherlich einen Nerv der Zeit. Er bietet mit seiner Soziologie der Weltbeziehung ein Framework zur Reflexion an, das hilfreich ist, und zwar nicht nur für die Theologie, sondern auch für ein Vor- und Nachdenken in Bezug auf kir­chenentwicklerische (Entscheidungs‑)​Prozesse. Diese beiden Ebenen gilt es jedoch bewusst zu unterscheiden, da sie sich in Modus und Funktion der Kommunikation unterscheiden (über das theologische Vor- und Nachdenken in Bezug auf Rosas Thesen: Kläden/Schüßler 2017a). Resonanz jedoch sowohl hier als auch dort absolut zu setzen und sie als „Lösung“ für unterschiedliche Problemfelder zu proklamieren, überliest Rosas bewusst gesetztes „Vielleicht“ im ersten Satz seines Buches zur Resonanz. Die Rede von der Lösung widerspricht dazu selbst seinen Thesen und Beobachtungen, welche ja selbst Unverfügbares beinhalten und auf Offenheit hin formuliert und angelegt sind.

Schließlich muss im Angesicht komplexer Problemstellungen grund­sätzlich bezweifelt werden, dass es so etwas wie „die (eine) Lösung“ geben kann – egal, wie klug und fein, klar und sinnhaltig sie formuliert und begründet ist. Zu diesen Problemstellungen gehören sicherlich die Fragen der Kirchenentwicklung genauso wie die nach einem konstruk­tiven Umgang mit aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und die nach der Aufklärung der Gewaltverbrechen und ihrer Vertu­schung in der Kirche in den letzten Jahrzehnten. Wer Gegenteiliges proklamiert und dabei von einfachen Lösungen in der eigenen Tasche spricht, muss sich nach den eigenen populistischen, ideologischen und narzisstischen Tendenzen befragen lassen. Damit stellt sich aber die Frage, ob es nicht generell problematisch ist, nach der einen Lösung zu suchen. Und auch, ob die Suche nach der einen Lösung nicht schon Problem ist.

Die Herausforderungen kirchlicher Organisationen und Institutionen in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz sind und werden in den nächsten Jahrzehnten enorm. Während also – neben der Frage nach der Resonanz als Instrument von Kirchenentwicklung – für die einen die digitale Transformation den Weg weist, ist es für andere der Begriff der Mission. Wieder andere diskutieren auf den unterschiedli­chen Ebenen neu zu strukturierende strategische Prozesse und den not­wendigen systemischen Kulturwandel. Auch von geistlichen Prozessen, die Diözesen, Landeskirchen, Ordensgemeinschaften und andere kirch­liche Organisationen durchleben müssen, und von pastoralen (missio­narischen?) Visionen ist die Rede. Kirche wird all das nötig haben. Min­destens und noch viel mehr. Dass die einzelnen Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Wege unabhängig, ohne Bezug aufein­ander und in Konkurrenz agieren, ist dabei Symptom, nicht Ursache der Problematik. Nicht anders ist es mit dem Instrument der Resonanz. Oder um es mit Rosa zu sagen: Wenn die Reichweitenvergrößerung einzelner Instrumente bei der Suche nach kirchenentwicklerischen Perspektiven im Vordergrund steht und diese damit selbst unterkom­plex zum Einsatz kommen, ist die Gefahr der Entfremdung groß – zum einen in Bezug auf das System Kirche, die innerhalb einer Gesellschaft steht, zum anderen mit Blick auf die enorme Dimension kirchlicher Herausforderung.

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